Monatsarchiv: Juli 2006

Wie ich die Tour de France gewann

Apropos Kinderspiel: 

Während in Hamburg die Möchtegern-Radfahrer ihre Stützräder abmontieren und bei den Cyclassics schwitzen, hab ich mich letztes Wochenende spontan dazu entschlossen, mal eine Bergetappe der Tour de France nachzufahren (ungedopt natürlich… dafür gebe ich Ihnen mein Ehrenwort – ich wiederhole: mein Ehrenwort!). Konnte mich nur nicht so recht entscheiden… Tourmalet? Alpe D’Huez? Aufgrund der kürzeren Anfahrt hab ich mir dann für die Hölle von Heeslingen entschieden. Stand zwar lange nicht mehr auf dem Programm der großen Schleife, dafür genießt die Strecke Zeven-Heeslingen-Wiersdorf unter Kennern einen ähnlich guten Ruf wie die Frühjahrs-Klassiker Paris-Roubaix oder Lüttich-Bastogne-Lüttich.

Samstag um 10 schwing ich mich also auf meine Rennmaschine – natürlich die verkehrssichere Version mit Katzenaugen und Gepäckträger. Raus aus Zeven und gleich rein in die Berge von Heeslingen. Der erste Anstieg gleich Kategorie eins – trotzdem muss ich nur auf den letzten Metern aus dem Sattel gehen. Weit und breit keine Konkurrenz. Zu meiner linken versuchen einige Rehe, mit mir Schritt zu halten. Für einige Minuten begleitet mich sogar ein Schwarm Kolibris. Hinunter in den malerischen Ort lass ich ein wenig rollen und hör aus dem Off, wie Herbert Watterott einige Heeslingen-Anekdoten aus den Tour-de-France-Annalen erzählt. Genug verschnauft – der nächste Anstieg in Richtung Wiersdorf ist zu nehmen. Ein Berg der Ehrenkategorie bringt mich erstmals an diesem Tag leicht ins Schwitzen. Zu dieser frühen Stunde sind noch nicht allzuviele Zuschauer an der Strecke, die den Lokalmatador feiern wollen. Vielleicht hab ich aber auch einige meiner Fans seit dem Umzug nach Hamburg verloren…

Wiersdorf wird durchfahren. Alles läuft nach Plan. Da kommt aus einer Kreuzung ein Opa auf ’nem Damenfahrrad auf die Strecke. Ein gefundenes Fressen… ich lasse kurz rollen, um dann den Überholvorgang mit ordentlich Speed entsprechend triumphal zu gestalten. Schnell hat der U-100-Fahrer 50 Meter Vorsprung – ich lege einen Gang drauf und beschleunige. Der Vorsprung wächst auf 100 Meter… ich komm nicht näher ran – der Rentner hängt mich ab! Was erlauben Opa? Jetzt fließt der Schweiß in Strömen, auf dem Tacho leuchten merkwürdige, dreistellige Zahlen auf – keine Ahnung, ob das mein Puls, meine Geschwindigkeit oder der Opa-Vorsprung sein soll. Nach dem tückischen Anstieg vor Aspe hab ich etwas Boden gutgemacht, aber auf der mörderischen Abfahrt kann mir das Männlein auf dem Damenfahrrad wieder davonfahren… kein Wunder, er hat ja auch nix mehr zu verlieren…

Wir sind in Aspe angekommen… hier ist schon längst nichts mehr malerisch… ein Industriemoloch zwischen H-Milch-Tanks und Lagerhallen voller Präservative. Den Sieg auf dieser Königsetappe hab ich längst abgeschrieben, vielleicht tret ich ja wenigstens noch in die Fußstapfen von Zabel und hol mir das Grüne Trikot. Aber dann: Auf Höhe des ehemaligen Altenheims (sic!) biegt der Opa auf einmal ab, verlässt die Strecke unerlaubterweise und disqualifiziert sich damit selbst. Hungerast vermutlich… zu viel Körner am Berg gelassen. Wahrscheinlich steigt er gleich vom Rad und übertaktet erstmal seinen Herzschrittmacher. Leg dich nicht mit Rollo an! ruf ich ihm noch hinterher, als ich ungefährdet auf die Zielgerade nach Zeven einbiege und mit stillem Triumph und lauter Röchel-Atmung ungefährdet als erster die Ziellinie überquere.

Mittlerweile ist es 10:34, satte 13 Kilometer hab ich zurückgelegt – und ausgemergelt wie ein im Jemen entführter Motorradtourist nach fünfwöchiger Flucht durch die Wüste. Der Tag ist gelaufen, der Körper ein Wrack – aber immerhin hab ich bewiesen, dass man auch die heftigsten Bergetappen der Tour de France ohne Testosteron bewältigen kann. Leg dich doch gehackt, Floyd Landis!

Bonmots aus dem Bonker

Apropos geschmacklos (oder doch nicht?):

Wurde ja bereits heiß diskutiert, ob man über den Gröfaz lachen darf. Aber da auslachen allemal besser als bewundern ist, poste ich das Video als alter Moers-Fan hier auch mal – obwohl ich ansonsten eher allergisch auf geplante und berechnende Tabu-Brüche reagiere. Der Spiegel sieht’s in seiner Kritik zum neuen Moers-Comic übrigens ähnlich.

Bekenntnisse eine C-Bloggers

Apropos katzenfrei: 

Nein, nein und nochmals nein: Hier gibt’s keinen Katzen-Content. Ich hab ja nicht mal lustige Katzen-Videos eingebunden wie gewisse andere PageRank-3-Blogger

No news are good news

Apropos langweilig:

Noch immer gibt’s nichts neues in Sachen neue Stürmer für den HSV. Zum Glück, muss ich in diesen Tagen wohl sagen. Denn auf Schlagzeilen wie „Milan Baros für 10 Millionen nach Hamburg“ oder „Kluivert wechselt zum HSV“ kann ich gut verzichten. Und glaubt man dem Kicker (Wer tut das nicht?) stehen die Chancen ganz gut, dass weder der überschätzte Tscheche noch der abgehalfterte Holländer nach Hamburg kommen werden. So wie wir Kluivert im UI-Cup mit Valencia in der AOL Arena erlebt haben, wäre der Holländer garantiert keine Verstärkung. Und Baros soll Zeitungsberichten zufolge derzeit in Prag mehr Wein, Weib und Gesang denn seiner persönlichen Fitness widmen…  

Drücken wir also weiter die Daumen, dass die Lücke im Sturm möglichst bald geschlossen wird – aber bitte mit echten Verstärkungen! Steht eigentlich der talentierte Herr Barbarez bei diesem komischen Werksverein zum Verkauf?   

Joildo – ein Mann für den HSV?

Apropos langweilig:

Mertesacker, Schweinsteiger, Hitzlsperger… mit solchen Namen kann man zwar für Nutella Werbung machen… aber eine Werbe-Ikone bei Nike oder Puma wird man damit eher nicht. Da sind uns die Brasilianer seit Jahren vorraus: Von der Seleção lernen, heißt kassieren lernen! Bei Namen wie wie Pelé, Zico, Ronaldo oder Kaka geraten Fußballfans und Werbeprofis gleichermaßen ins Schwärmen. Das fußballerische Talent bekommt man leider ebenso wenig in die Wiege gelegt wie die Kreativität für solche Wortschöpfungen. Aber dafür gibt’s ja das Internet: joildo.gifMit „Brazilname“ finden Schweinsteiger („Bastialdo“) oder Lahm („Leto“) heraus, wie sie wohl heißen könnten, wenn Sie für Brasilien spielen würden. Auf meinem Rücken würde das angsteinflößende „Joildo“ stehen. „Prinz Peng“ und „King Knall“ kriegen schon weiche Knie!   P.S. Beim Eingeben von Vor- und Zunamen sollte man ein bisschen tricksen, z.B. mal in beide Felder den gleichen Namen eintragen…

Alles super, Deine Elli

Apropos langweiliges Finale: 

Nun ist das Spektakel also vorbei. Nie mehr WM 2006. Und schon jetzt, Montagmittag, macht sich gähnende Langeweile breit. Kein Spiel mehr zu tippen, kein TV-Abend mehr zu organisieren, keine Wette auf einen deutschen Gegner zu platzieren. Der wirklich krönende Abschluss fand ja eigentlich schon am Samstag mit dem Spiel um Platz 3 statt. Das vermeintlich große Finale konnte da in keinster Weise mithalten – ich fand den Kick zwischen Italien und Frankreich (bis auf Teile der ersten Hälfte) so langweilig, dass ich hinterher insgeheim dachte: Gut, dass es nun auch mal vorbei ist. An das Endspiel werde ich mich in vier Jahren also wohl nur noch lückenhaft erinnern. Eigentlich schade, nach allem, was die WM an Emotionen ausgelöst hatte. Was also bleibt am Ende?

  • Die Erinnerung an spannende und hochklassige Spiele einer DFB-Elf, wie ich sie seit 1990 nicht mehr bejubeln durfte. Meinen Blutdruck während des Polen-Spiels möchte ich lieber nicht wissen… 
  • Die Erkenntnis, dass der ausgerufene „positive Patriotismus“ irgendwann genauso nervig wurde wie Karneval und Loveparade – was natürlich allemal besser ist als das dumpfe Gröhlen noch dumpferer Skinheads!
  • Die Freude über unzählige tolle Bilder – angefangen von überraschend friedlichen Fans bis hin zur beginnenden Männerfreundschaft zwischen Kahn und Lehmann.
  • Der Ärger über die ganzen Klinsmann-Kritiker, die vor der WM in der Bild-Zeitung gar nicht oft und gar nicht laut genug motzen konnten und dann nach den ersten Erfolgen auf einmal ganz ruhig sein konnten.
  • Und schließlich auch die Hoffnung, dass die Zahl der Fußballfans von 82 Millionen wieder auf ein erträgliches Maß zusammenschmilzt. Ich will mein schönes Hobby nicht mit dahergelaufenen Partymäuschen teilen… so viel Arroganz muss schon sein. 

Klar ist aber auch: Zu den größten WM-Verlieren gehören Me, Myself & I! Der Ruf des schier unbesiegbaren Tipp-Titanen ist endgültig dahin. Diverse letzte Plätze sprechen eine deutliche Sprache. Italien in der Vorrunde auscheiden zu lassen war keine gute Idee… und auf Tschechien als Weltmeister zu tippen wird mir so schnell auch kein zweites Mal passieren.

Apropos dumm gelaufen: Meine Strategie, bei betandwin auf die deutschen Gegner zu setzen und so im Falle einer Niederlage zumindest ein finanzielles Trostpflaster genießen zu dürfen, erwies sich ebenfalls als teurer Schuss ins eigene Knie. Erst recht, wenn man bei der einzigen deutschen Niederlage auf eine Entscheidung nach 90 Minuten gesetzt hatte. Insgesamt ließ ich mich zehnmal von der Quote blenden… und hab nicht ein einziges Mal gewonnen.

Aber trotz aller Tipp-Blamagen, trotz der Zidan’schen Brustnuss, trotz der schauspielernden Italiener, trotz einer peinlichen Verabschiedung der DFB-Elf auf dem Fanfest in Berlin und trotz der strunzlangweiligen 4-4-2-1-Taktikspielchen – an dieser Stelle kann ich – auch wenn’s ein bisserl pathetisch klingt und nach „Bild“-Sprache müffelt – mit ruhigem Gewissen die großen Dichter von „Juli“ zitieren: „Es war ’ne geile Zeit!“