Wie ich die Tour de France gewann

Apropos Kinderspiel: 

Während in Hamburg die Möchtegern-Radfahrer ihre Stützräder abmontieren und bei den Cyclassics schwitzen, hab ich mich letztes Wochenende spontan dazu entschlossen, mal eine Bergetappe der Tour de France nachzufahren (ungedopt natürlich… dafür gebe ich Ihnen mein Ehrenwort – ich wiederhole: mein Ehrenwort!). Konnte mich nur nicht so recht entscheiden… Tourmalet? Alpe D’Huez? Aufgrund der kürzeren Anfahrt hab ich mir dann für die Hölle von Heeslingen entschieden. Stand zwar lange nicht mehr auf dem Programm der großen Schleife, dafür genießt die Strecke Zeven-Heeslingen-Wiersdorf unter Kennern einen ähnlich guten Ruf wie die Frühjahrs-Klassiker Paris-Roubaix oder Lüttich-Bastogne-Lüttich.

Samstag um 10 schwing ich mich also auf meine Rennmaschine – natürlich die verkehrssichere Version mit Katzenaugen und Gepäckträger. Raus aus Zeven und gleich rein in die Berge von Heeslingen. Der erste Anstieg gleich Kategorie eins – trotzdem muss ich nur auf den letzten Metern aus dem Sattel gehen. Weit und breit keine Konkurrenz. Zu meiner linken versuchen einige Rehe, mit mir Schritt zu halten. Für einige Minuten begleitet mich sogar ein Schwarm Kolibris. Hinunter in den malerischen Ort lass ich ein wenig rollen und hör aus dem Off, wie Herbert Watterott einige Heeslingen-Anekdoten aus den Tour-de-France-Annalen erzählt. Genug verschnauft – der nächste Anstieg in Richtung Wiersdorf ist zu nehmen. Ein Berg der Ehrenkategorie bringt mich erstmals an diesem Tag leicht ins Schwitzen. Zu dieser frühen Stunde sind noch nicht allzuviele Zuschauer an der Strecke, die den Lokalmatador feiern wollen. Vielleicht hab ich aber auch einige meiner Fans seit dem Umzug nach Hamburg verloren…

Wiersdorf wird durchfahren. Alles läuft nach Plan. Da kommt aus einer Kreuzung ein Opa auf ’nem Damenfahrrad auf die Strecke. Ein gefundenes Fressen… ich lasse kurz rollen, um dann den Überholvorgang mit ordentlich Speed entsprechend triumphal zu gestalten. Schnell hat der U-100-Fahrer 50 Meter Vorsprung – ich lege einen Gang drauf und beschleunige. Der Vorsprung wächst auf 100 Meter… ich komm nicht näher ran – der Rentner hängt mich ab! Was erlauben Opa? Jetzt fließt der Schweiß in Strömen, auf dem Tacho leuchten merkwürdige, dreistellige Zahlen auf – keine Ahnung, ob das mein Puls, meine Geschwindigkeit oder der Opa-Vorsprung sein soll. Nach dem tückischen Anstieg vor Aspe hab ich etwas Boden gutgemacht, aber auf der mörderischen Abfahrt kann mir das Männlein auf dem Damenfahrrad wieder davonfahren… kein Wunder, er hat ja auch nix mehr zu verlieren…

Wir sind in Aspe angekommen… hier ist schon längst nichts mehr malerisch… ein Industriemoloch zwischen H-Milch-Tanks und Lagerhallen voller Präservative. Den Sieg auf dieser Königsetappe hab ich längst abgeschrieben, vielleicht tret ich ja wenigstens noch in die Fußstapfen von Zabel und hol mir das Grüne Trikot. Aber dann: Auf Höhe des ehemaligen Altenheims (sic!) biegt der Opa auf einmal ab, verlässt die Strecke unerlaubterweise und disqualifiziert sich damit selbst. Hungerast vermutlich… zu viel Körner am Berg gelassen. Wahrscheinlich steigt er gleich vom Rad und übertaktet erstmal seinen Herzschrittmacher. Leg dich nicht mit Rollo an! ruf ich ihm noch hinterher, als ich ungefährdet auf die Zielgerade nach Zeven einbiege und mit stillem Triumph und lauter Röchel-Atmung ungefährdet als erster die Ziellinie überquere.

Mittlerweile ist es 10:34, satte 13 Kilometer hab ich zurückgelegt – und ausgemergelt wie ein im Jemen entführter Motorradtourist nach fünfwöchiger Flucht durch die Wüste. Der Tag ist gelaufen, der Körper ein Wrack – aber immerhin hab ich bewiesen, dass man auch die heftigsten Bergetappen der Tour de France ohne Testosteron bewältigen kann. Leg dich doch gehackt, Floyd Landis!

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Eine Antwort zu “Wie ich die Tour de France gewann

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