Fuuhlipided oder als Schwiegervater doch nicht pöbelte

Manchmal überkommts mich, dann muss ich einfach ein paar verrückte Sachen machen. Dann lass ich im Bett die Socken an, mach kein Handzeichen, wenn ich mit dem Fahrrad rechts abbiege oder beleg die gute Wagner-Pizza noch mit extra Käse. Auch gestern verspürte ich wieder den Drang, über die Strenge zu schlagen. Deswegen hab ich’s dann getan: Ich war auf einem Helmut-Lotti-Konzert!

Okay, Spaß beiseite. Da ich nicht zu den Leuten gehören, die sich mit einer Selbstbeschreibung à la „Ich bin irgendwie crazy und mache dauernd verrückte Sachen“ erblöden, war der Helmut-Lotti-Ausflug nicht wirklich ein Akt des freiwilligen Grenzüberschreitens. Vielmehr ist die Chefin krank geworden (zumindest simulierte sie äußerst geschickt einen Tag vorher eine akute Bronchitis) – und so musste ich einspringen, Schwiegereltern und Mutti auf das Konzert des belgischen Stimmwunders zu begleiten.

Zugegeben: Ich war von Beginn an von Vorurteilen zerfressen. Ich erwartete einen äußerst langweiligen Abend voller belangloser Lieder im Kreise schunkelnder Senioren und vorzeitig vergreister Hausmütterchen. Rückblickend muss ich aber sagen: Genauso kam es auch. Vor Beginn des Konzerts war ich noch halbwegs frohen Mutes, erhoffte ich mir doch ein Best of der schönsten Weihnachtslieder – für die ich ja zugegebenermaßen eine leichte Schwäche habe (wenn ich am 23. nach Hause zu Mutti fahre, plärrt immer Reas „Driving Home for christmas“ aus meiner viel zu teuren Bose-Soundanlage). Die Hoffnung erstarb jedoch schnell, als der schmächtige Belgier ankündigte, die größten Hits der „Crooner“ sowie neueste Werke aus eigener Feder anzustimmen. Mit erstaunlicher Sicherheit schaffte es Lotti, aus dem Repertoire der „Crooner“ immer die langsamsten und einschläferndsten Songs auszuwählen. „Wonderful World“ von Louis Armstrong gehörte schon zu den schmissigten Wachmachern.

Ganz finster wurde es aber, wenn es mal wieder ans eingemachte Eigenkomponierte ging. Helmut Lotti schreibt zwei Arten von Songs: Schnulzige Liebeslieder und jene mit einem Augenzwinkern, die uns sagen wollen, dass das Leben doch nicht so schlimm ist. Die wurden dann eingeleitet von Sätzen wie „Es ist nicht alles perfekt. Aber richtige Probleme sind Krankheiten oder Krieg. Ein Kratzer im Lack ist doch kein Problem. Deswegen sag ich: Take it with am smile“. Dann folgte eine Komposition, die wie einst „Don’t worry be happy“ mit Ohrwurmqualität gute Laune verbreiten sollte – leider aber daran krankte, dass sie weder Ohrwurmqualität hatte noch gute Laune verbreitete.  Erste Langeweile machte sich breit, Schunkel- und Klatschansätze erstickten nach wenigen Sekunden. Aber von allen Seiten wisperte es immer „Hat er nicht eine fantastische Stimme?“, „Ganz toll diese Stimme“, „Was kann der Mann doch singen“.

Aber reden kann er auch, der kleine Knödler aus Belgien. Zuerst hab ich mich noch gewundert, dass er vor jedem Song erklärte, worüber er eigentlich gleich singen wird. Es ging zum Beispiel um einen Jungen, der zu seiner großen Liebe betet oder dass man auch nach Niederlagen weitermachen sollte. Schnell wurde mir der Sinn dieser einleitenden Worte klar: Keiner der Songs war auf deutsch – und das Publikum machte nicht den Eindruck, Englisch im Allgemeinen und Lottis Akzent im Speziellen zu verstehen. Mir ging es ähnlich: Erst nach einem Blick auf sein Album bei Amazon wurde mir klar, dass der „Kopf hoch“-Song „Fuuhlipided“ eigentlich „Full speed ahead“ heißen sollte. Die „Crooner“ hielt ich den ganzen Abend für dahergelaufene „Kruler“. Aber wer so eine Stimme hat, muss ja auch nicht noch englisch sprechen können.

Ich konnte mich ja den ganzen Abend des Eindrucks nicht erwehren, dass es Lotti teilweise selber kreuzpeinlich ist, was er da so zum Besten gibt. Dass er keinen Bock mehr hat auf die Schmachtschnulzen, auf die langen Schlangen der Damen, die ihm Rosen überreichten (ich dachte, dieser Brauchtum wäre mit der Hitparade längst ausgestorben) und seine erstaunlich jungen Groupies in der ersten Reihe („Hallo Dagmar, schön, dass du auch wieder da bist“). Der Lütte träumt bestimmt davon, mal wie Henry Rollins auf der Bühne richtig auszuflippen – weiß aber ganz genau, dass ihn seine Fans schon lynchen würden, wenn er was von den Scorpions covern würde. Aber klar: Die Stimme ist schon toll!

Der zweite Teil geriet zum Glück dann nicht mehr ganz so einschläfernd, die Ryhtmen wurden ein wenig nach oben hin angepasst. Schon verlor ich zu beiden Seiten meine Mitstreiter im Kampf gegen das große Gähnen. Rechts legte sich Mutti ins Zeug – in der Pause hatte sie noch den Schnulzenoverload beklagt… und nun klatschte sie sogar mit. Meine Hoffnung saß links: Schwiegervater hatte  sich beim Toilettengang in der Pause ebenfalls noch enttäuscht über das Programm („Aber ’ne tolle Stimme hat er ja schon…“) geäußert. Und für einen kurzen Moment dachte ich dann, dass er vor lauter Gnatz gegen den kleinen Belgierdas Pöbeln anfängt. Nach der ersten Begeisterung für so viel Engagement fiel mir dann aber schnell auf, dass er aber einfach nur lauthals „Go, tell it on the mountain“ mitsang. Ich war allein…

… aber immerhin sicher. Denn auch das langweiligste Konzert geht irgendwann zu Ende. Und wer wissen will, wie sich wohl eine Massenpanik in einem vollbesetzem englischen Fußballstadion anfühlt, sollte mal gemeinsam mit Helmut-Lotti-Fans einen Saal verlassen. Da wurde gestoßen, geboxt, gedrängelt – Senioren verstehen da kein Spaß mehr… noch weniger als das Englisch vom Wurzelgnom aus Belgien. Aber tolle Stimme, schon klar…

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