Mit Sympathie zum Altern und Tocotronic im Garten

Wenn man alt wird und Sachen macht, die alte Menschen halt gerne machen – und dabei weiß, dass man alt wird und trotzdem kein Problem damit hat… ist man dann eigentlich schon so RICHTIG alt? Oder hat man sich solche Gedanken machend eine jugendliche Distanz zum Altern bewahrt und ist eigentlich nur ein Sympathisant des selbigen? Weil früher bestand ein Sonntag ja meist aus Kopfschmerzen, Aspirin, Müdigkeit und ganz vielen schemenhaften Erinnerungen an eine turbulente Nacht, die auch am Montag noch für ausreichend Gesprächsstoff sorgten. Aber was soll ich denn morgen von diesem sonnigen Zeitumstellungssonntag erzählen? Dass ich spazieren gegangen bin? Dass ich Alsterschwäne fotografiert habe? Und noch viel schlimmer: Dass ich es genossen hab und mit mir und der Welt, von diesen melancholische Anflügen mal abgesehen, ganz zufrieden war?

Trauerweide

Vielleicht hätte ich mir gar nicht so viele Gedanken über das Altern gemacht, wenn ich auf meinem MP3-Player nicht Superpunk hätte laufen lassen. Die Jungs haben das neue Album „Why not“ anscheinend größtenteils aufgenommen, um mit ihrer ersten Midlife-Crises klar zu kommen. Zeilen wie „Von acht bis acht – Ich hätt‘ es gern gemacht – Baby, ich bin zu alt“, „Ich funktionier nicht mehr – einst war ich zu jung und jetzt bin ich zu alt“ oder „Oh alter Punk – einst war er ein Schmetterling, ein wunderschöner Falter – doch jetzt gleicht er eher Gauklern aus dem Mittelalter“ befeuern trotz aller Ironie mit Vollgas auch das kleinste Fünkchen Melancholie. Trotzdem ein sehr lohnendes Album und ich muss mich bei der jungen Kollegin bedanken, die es mir empfohlen und wahrscheinlich ganz andere, wesentlich fluffigere Assoziationen beim Hören hat. Immerhin: Am Nachmittag waren die leicht angetrübten Gedanken aber endgültig verschwunden… ich hab ordentlich zu Tocotronic gerockt. Dass ich zu „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ Unkraut im akurat gepflegten Garten gejätet hab, ist vielleicht nicht gerade im Sinne der Erfinder – aber muss man ja auch nicht unbedingt weitererzählen…

Ach ja: Und wenn ich nicht rentnermäßig spazierengegangen und in einer kleinen Pause mein neues Buch rausgeholt hätte, hätte ich die wohl genialsten ersten Zeilen seit langem längst nicht so genießen können, wie ich es heute auf der Bank mit Alsterblick tat. Vielleicht könnt ihr es ja ansatzweise nachempfinden – „Ein Mann wie Holm“ von Matthias Keidtel beginnt mit den formschönen Sätzen „Holm mochte, wenn es bewölkt war, dann konnte man ihn aus dem All nicht beobachten. Er war nämlich davob überzeugt, dass die Satelliten, die um die Erde kreisten, jeden Menschen auf seine Daseinberechtigung überprüften.“ Ich tippe nach den ersten Kapiteln einfach mal, dass ich hier gerade mein neues Lieblingsbuch lese – hoffe dabei aber auf jeder Seite, dass ich bis auf das Alter nicht zu viel mit dem Protagonisten zu tun habe. Ich werde weiter in mich hinein horchen… 

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3 Antworten zu “Mit Sympathie zum Altern und Tocotronic im Garten

  1. So schlimm ist Spazierengehen nun ja auch nicht. Schwäne fotografieren allerdings… ähm.. 🙂

    Ich empfehle übrigens „Neuser“. Hör bei last.fm doch mal in „Von vorn anfangen“ rein. Romantische Lieder sind mir eigentlich zuwider, aber das ist ganz schön. Und nicht so noiselastig wie 1000 Robota 🙂

  2. nach 1000 robota hab ich bei den empfehlungen ja ein bisserl angst… aber ich wags gleich mal 😉

    und schwäne sind auch eher des bildes wegen erwähnt worden… find ich auch eher blöd… aber enten sind voll cool 😉

  3. Boah, Du bist ja todesmutig 😀

    Fandest Du es denn dieses Mal auch wieder so schlimm?

    Enten rocken die Welt!

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